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Original Story: Tanien - Prolog (in German) - The Lyorn's Den

Sat Feb. 7th, 2009

10:29 pm - Original Story: Tanien - Prolog (in German)

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Titel: Tanien: Prolog
Autor: Lyorn
Sprache: Deutsch
Wörter: ca. 3,500
Setting: original
Rating: 6
Genre: Weltenbau, Charakterhintergrund
Summary: Ich erinnere mich an den Tag, als das letzte Schiff uns verließ.

Anmerkungen: Diese Geschichte ist gleichzeitig das Intro in eines meiner großen Story-'verses, und der Kick-off für die grundlegende Überarbeitung von selbigem. Das erklärt hoffentlich die zusammengefaßte Form. Die einzige andere Story in diesem Setting die ich bis jetzt in trockene Tücher gebracht habe, ist "Malenka", meine vampirlose Vampirgeschichte [LJ link] [Web page link].

Danke an flederkatz für's Probelesen, außergewöhnliche Geduld mit Endlossätzen, und das Auffinden verschollener Hilfsverben.

Kritik und Kommentare sind willkommen.

Webpage link: [html] [txt].




Ich erinnere mich an den Tag, als das letzte Schiff uns verließ. Ich war drei Jahre alt und auf den Schultern meines Vaters. Meine Mutter hatte uns Eiscreme besorgt, und machte jetzt Fotos, und ich lutschte an der Waffel und kleckerte Vanilleeis auf meines Vaters weißes Hemd. Rund um uns waren Massen von Menschen, das ganze Feld war voll von ihnen, und alle Gesichter waren nach oben gereckt. Der Himmel war tiefblau und wolkenlos, und die Morgensonne stand noch tief und blitzte auf der Hülle des Schiffes, als es sich von uns hob, es leuchtete wie ein Stern, der in den Himmel fiel, ferner und ferner von uns, bis es nur noch ein winziger Punkt war, bis es nicht mehr sichtbar war. Und immer noch standen all die Menschen da und starrten in den leeren Himmel.

Als ich fünf war, sah ich mit meiner Mutter die Fotos an, und ich fragte sie, warum all die Leute auf dem Bild weiß trugen -- auch ich, ich trug einen weißen Kinderkittel und eine Mütze, und weiße Stoffschuhe, meine Mutter einen weißen Overall, und mein Vater den Anzug, den er zur Beerdigung meines Großvaters getragen hatte, ein Beige so hell, daß es Weiß sein konnte im Morgenlicht. "Ist jemand gestorben?" fragte ich meine Mutter. "Ein Zeitalter ist gestorben", sagte sie. Ich verstand das nicht, und fragte meinen Vater. Er sagte, niemand sei gestorben, und ich war sehr erleichtert.

Meine Mutter war Fotografin. Mein Vater war Architekt, er baute Häuser, so wie unseres. Unser Haus war groß und hell und an allen Wänden waren Fotos, die meine Mutter gemacht hatte. Manche davon hatten Preise bekommen. Manchmal kamen Leute, um die Fotos anzusehen.

Ich bekam eine Kamera, als ich in die Schule kam, und machte Bilder von all meinen Freunden, und von Hunden, und von Bäumen. Nach einem Monat nahmen die großen Jungs mir meine Kamera ab, und meine Mutter sagte, ich sei vielleicht noch zu klein für eine Kamera. Nur was man verteidigen kann, gehört einem auch.

Mit zehn kam ich auf die höhere Schule. Am letzten Tag des Jahrs fragte uns der Lehrer, ob wir wüßten, warum der folgende Tag, der erste Tag des aufziehenden Sommers, schulfrei wäre. Ich meldete mich. "Es ist der Tag, an dem das letzte Schiff uns verlassen hat", sagte ich. "Vor sieben Jahren." Ich sagte nicht, daß ich mich daran erinnerte. Ich dachte, jeder täte das. Ich dachte, jeder hätte Fotos, und die anderen würden sie nur nicht an die Wände hängen, sondern in Schubladen aufbewahren -- mein Vater sagte immer, das sei besser, die Bilder würden nicht blaß und spröde werden, sie würden ihre Farben behalten, nie alt werden. Meine Mutter widersprach leidenschaftlich, und die Bilder blieben. Meine Mutter war mir ein bißchen peinlich. Ich wollte nicht, daß die Bilder alt wurden. Ich wollte, daß nichts jemals verloren geht. Ich schrieb Tagebuch, ich memorierte die Ereignisse meines Lebens, ich assoziierte Zusammenhänge. Ich konnte jedes Ereignis meiner Erinnerung mit einem Datum belegen, und rekonstruieren, welche Jacke ich getragen hatte, welche Schuhe, was ich gelesen hatte. Ich dachte, auch das täte jeder.

"Regiert euch selber", hatte Gartian Vegas, der letzte Prokonsul der Föderation, gesagt, in dem Jahr, wo ich geboren wurde, "denn wir können es nicht mehr tun". Die Föderation, lernte ich im Geschichtsunterricht, als ich zwölf war, war gewaltig gewesen, sie umspann unzählige Sonnen, unzählige Planeten, und wir waren nicht mehr als ein Staubkorn, ihr hinterster Winkel, allein in einem Sektor, wo die Hyperraumströmungen trügerisch waren und schwierig zu navigieren -- Schiffe gingen verloren auf dieser Route, und hinter uns war nichts mehr, unser Himmel schon arm an Sternen. Meine Großmutter, die Mutter meiner Mutter, erzählte, daß sie als junges Mädchen auf einem der Zentrumsplaneten gewesen war; der Himmel, sagte sie, war so voller Sterne gewesen, daß nicht einmal die Sonne sie alle überstrahlte.

Zwei Jahre vor meiner Geburt, erzählte meine Großmutter, als sie schon alt war und alles vergaß bis auf das, was sich vor langer Zeit ereignet hatte, hatte es Gerüchte über einen Krieg gegeben, eine bisher unbekannte Macht, die zentrumsseitig die Föderation angriff. Meine Freundin Doreen sagte, daß ihr Onkel, der Soldat gewesen war, in diesen Krieg gezogen sei und nie wiedergekommen, man habe nie wieder etwas von ihm gehört, sagte sie. Wir hatten nie viel gehört von diesem Krieg, die Nachrichten, die uns erreichten, waren, wenn sie denn kamen, Oktale alt, und im Jahr meiner Geburt war der Prokonsul abgezogen, und mit ihm die Flotte, die uns Jahrhunderte vor einem Angriff geschützt hatte, der nie kam. Dann waren die Händler gegangen, und die Lehrer, und zuletzt die Anwälte und die Diplomaten, in jenem letzten Schiff, das ich wie einen Stern in den Himmel hatte fallen sehen.

Meine besten Freundinnen, als ich zwölf war, waren Doreen und Signy. Wir gingen in die gleiche Jugendgruppe, und verbrachten unsere Wochenenden damit, durch die Parks und Naturreservate zu streunen, die Namen der Tiere und Pflanzen und Sterne zu lernen und "einfaches Leben" zu spielen. Signy war mager und klug und hatte Höhenangst. Doreen las heimlich Liebesromane und wollte Pilotin werden. Ihre Mutter fuhr die schweren Lastenheber am Hafen, wo jetzt nur noch die bauchigen, trägen Atmosphärentransporter landeten. Signys Eltern unterrichteten Musik an unserer Schule. Dann war da Sophie, die drei Jahre älter als war wir und die Leiterin unserer Gruppe, und Mücke und Sabine gehörten auch dazu. Mücke war klein und dünn und blond und wurde später sehr groß und dünn und blond, aber der Name blieb ihr. Sophie hatte grasgrüne Augen und konnte zeichnen. Sabine konnte ich nicht leiden.

Als ich dreizehn war, wurde es üblich, die Jahre vom letzten Schiff an zu zählen, anstatt in der Zeitrechnung der Föderation, und Vandred kam in meine Klasse. Wir mochten die gleichen Bücher und die gleiche Musik, und wir wollten beide Ingenieurinnen werden und Schiffe bauen, Hochbahnen, Kraftwerke. Jemand mußte es tun. Die Züge fuhren nur noch langsam über marode Brücken, der Strom fiel aus und die Städte wurden dunkel. Wir dachten, es sei ein technisches Problem. Wir waren dreizehn, wir wollten Ingenieurinnen werden, für uns war jedes Problem technisch, und jedes technische Problem lösbar.

Ich machte ein Praktikum in dem Rechenzentrum, das die Infrastruktur unseres Landes steuerte, und mein Kopf wurde voll von Landkarten mit Linien von Energie und Information, die unseren Kontinent zusammenhielten: Von den dünn besiedelten Nordmarken mit ihren Bergen und heißen Quellen und kalten, grauen Meeren, bis zu den goldbraunen Bergen und prächtigen Städten der südlichen Halbinseln. Im Osten die weiten Ebenen, dünn besiedelt, und schließlich die großen Wälder. Im Westen die fruchtbaren Hügel Lerantars, wo das Klima mild ist und der Regen genau zu den richtigen Zeiten fällt. Die Inseln im Nordwesten, abgelegen und freundlich, kühl und regenreich. Laquena im Süden, mit seinen Seen und seinen langen Sommern. Und das Alte Land, Aetian, die Mittellande, wo das erste Schiff gelandet war, zu einer Zeit, die uns mythologisch erschien, von wo das letzte Schiff gestartet war, wo wir lebten. Linien zu den anderen Kontinenten: Die wilden Lande weit im Westen, bewohnt, sagte man, nur von Aussteigern und Sturköpfen, ohne einen Sitz im planetaren Senat, der Faden, der uns mit ihnen verband, dünn wie Spinnweben. Der große Südkontinent Ta'i Nu'i, weitläufig und wohlhabend, von wo seit Jahren Bestrebungen ausgegangen waren, der Föderation den Rücken zu kehren: Eine dicke Kordel. Und schließlich das eisverkrustete Antipodia, nahe dem Südpol, wo nur Prospektoren und Wissenschaftler hausten, Linien kamen und gingen mit den Jahreszeiten. Ich lernte die Linien, und fragte Vandred, die ihr Praktikum bei der Hochbahngesellschaft machte, nach den ihren. Aber Vandred interessierte sich nicht für Linien, sie interessierte sich für Brücken und Maschinen und Motoren. Ich fragte mich, ob es nicht vielleicht besser wäre, Verwalterin zu werden anstatt Ingenieurin. Ich wollte Sachen zusammenhalten.

Aber die Welt, sagte man uns, brauchte uns nicht, die Welt war in festen Händen und brauchte keine von unserer Sorte, die sie anhimmelten wie ein paar Halbstarke eine Diva. Wir waren der Welt peinlich mit unseren Eifer, wir waren zu jung, wir erinnerten uns nicht an das "vorher", wir sollten die Welt nehmen, wie sie zu uns kam, das war unser Erbe, und was wußten wir schon?

Der planetare Senat löste sich auf, als ich fünfzehn war und legte die Verwaltung der Regionen in die Hände der lokalen Institutionen. Die Alten Lande, als einzige Region des Planeten, hatten keine lokalen Institutionen, und der Versuch, welche zu erschaffen, endete damit, daß Senator Carmeri eine Notregierung ausrief. Es gab Proteste und Demonstrationen. Leute wurden ermordet oder verschwanden. Meine Mutter kam mit einem gebrochenen Arm und einem blauen Auge nach Hause, weil sie versucht hatte, Bilder zu machen. Vandreds Eltern zogen mit ihr nach Westen, nach Lerantar, auf der anderen Seite des Flusses. Sie fehlte mir, fehlte mir wie mir die Zukunft fehlte, die wir uns ausgemalt hatten. Fehlte mir wie die Schiffe, ein letzter blitzender Punkt im blauen Himmel, fehlte mir wie die Geschichten meiner Großmutter von Welten, wo man am Tag die Sterne sah, und ich wußte, daß es vorbei war und bei all meiner Sorge um Daten und Orte und Namen und Verbindungen nie wiederkommen würde. Wir waren allein. Keiner der nach uns kam, würde sich an eine andere Zeit erinnern.

Ich träumte, daß eines der Schiffe, wiederkäme, nur eines, um mich fortzuholen, nur mich, weil ich mich erinnerte, weil es für mich eine Rolle spielte, weil ich zu den Sternen wollte. Und ich würde ihnen sagen, daß ich nicht gehen würde und meine Welt zurücklassen, daß sie wiederkommen sollten, für uns alle wiederkommen, die Zeit zurückbringen, wo die Sterne nahe waren und wir nicht allein. Manchmal, in meinen Träumen, versprachen sie es. Doch keiner glaubte mir, und gefangen zwischen Bleiben und Gehen wachte ich auf und haßte diese Zeit, haßte mein Leben, und die schmerzhafte, vergebliche Hoffnung.

Carmeri erließ Notgesetze und Notverordnungen. In der Jugendgruppe sprachen wir vom Fortgehen. Wohin? Irgendwohin. Die Welt war groß genug für uns. Wir schwänzten die verordnete staatliche Jugendgruppe, wo wir Uniformen tragen sollten und nützliche Dinge tun, trafen uns im Park unserer Stadt, wo viele hundert Jahre alte Eibenbüsche uns vor Beobachtern und vor dem Regen schützten. Wir hatten besseres zu tun mit unserer Zeit als "nützliche Dinge", wir hatten besseres zu tun mit unseren Worten, als sie für uns zu behalten, wir hatten besseres zu tun mit unseren Freunden, als sie im Stich zu lassen an dem Tag, wo Signy dabei erwischt wurde, Plakate zu kleben für eine verbotene studentische Versammlung (wir waren inzwischen siebzehn), und wir uns wie ein Rudel Terrier auf die Polizisten gestürzt hatten und nach einer Rangelei weggelaufen waren.

Ich erinnere mich an den Tag, als wir fortgingen, es war gegen Ende des Sommers und die Luft schwül und drückend und seltsam kalt auf der Haut. Im Jahr zuvor hatten wir auf unseren Streifzügen eine aufgegebene Siedlung im Tuemon gefunden, geschützt von Bergen und Klippen. Es gab viele solche Siedlungen in Aetian -- als die Schiffe uns verließen, flohen viele der Kontraktarbeiter aus ihren Verträgen. Sie versteckten sich an unzugänglichen Orten, und tauchten wieder auf, nachdem das letzte Schiff fort war. Wie sie wollten wir vor allem frei sein, aber wir waren jung und wir wollten auch Abenteuer. Und ich wollte, ich wollte vor allem, daß alles anders werden würde. Ich sah keine Zukunft für uns, ich glaubte an keine Zukunft, ich glaubte nicht, daß wir überleben würden. Die anderen verstanden meine Hoffnungslosigkeit als Arroganz, und ich lernte, daß mit Feinden oft einfacher umzugehen ist als mit Freunden.

So oft hatten wir gehört, daß diese Welt nicht die unsere war, daß sie uns nicht brauchte, daß wir kein Recht hatten, für sie zu kämpfen, daß sie stärker war als wir, daß jene, die sie beherrschten, stärker waren als wir, und mehr im Recht. Eine abweichende Meinung zu haben, war sinnlos, die Welt anders zu wollen, war Narrheit, zu denken, daß man sie ändern konnte, war geistige Verwirrung. Und doch konnte man -- konnten wir -- es nicht nicht tun. Es war Hochmut, Hoffnung zu haben. Aber wenn man keine hatte -- dann konnte man tun, was man für richtig hielt.

Nur, was man verteidigen kann, gehört einem auch. Ich wollte nicht kämpfen, ich war nicht gut im Kämpfen, ich gab alles fort, was jemand anders von mir haben wollte, ich lebte in den Ritzen. Aber als wir herausfanden, daß Eisenwaren nicht an dem Bäumen wuchsen, daß Kleider zerreißen und Schuhe sich ablaufen, war ich es, die unser geschütztes Versteck verließ, um "organisieren" zu gehen. Ich hatte mich freiwillig gemeldet, und anstatt meine Aufgabe zu erfüllen und mich nicht in Gefahr zu begeben, stahl ich von denen, die es nicht besser verdienten, Carmeris Söldnern und Handlangern. Was ich nicht stehlen konnte, brachte ich mit Tricks an mich. All die Linien von Transport und Kommunikation, die ich so gut verstand, wo eine kleine Ursache -- ein fehlgegangenes Kommando, ein falsch eingestelltes Signalzeichen, eine Telefonleitung, die nicht dorthin führte, wo der Benutzer glaubte -- ausreichte, um Eisenbahnwagons, Kisten mit Fracht, Umschläge mit vertraulicher Information in meine Hände zu lenken. Ich stahl, was ich kriegen konnte: Ausrüstung, Waffen, Pläne, Technologie, und für mich allein stahl ich die Momente, wo alles Handlung war und nichts Zweifel, die Momente, wo es mir gleich war, daß es keine Hoffnung gab.

Niemand konnte lange alleine tun, was ich tat, und so fand ich Freunde und Verbündete. Verbindungslinien entstanden auf den Landkarten, zwischen Menschen und Gruppen, die Carmeris Regime haßten, die ihn bekämpften, seine Lügen entlarvten, seine Gefangenen befreiten, seine Projekte sabotierten. Unser Tal lag im Niemandsland zwischen Aetian und dem Osten, wohin Carmeris Arm nicht reichte, und wurde eine Zuflucht, ein sicherer Ort, wo Sophie und Signy uns zusammenhielten, dafür sorgten, daß es einen Ort gab, an den man zurückkehren konnte. Ich wußte nicht, wie viel das wert war, bis ich fand, es sei zu wenig. Ich versuchte, die anderen für meinen Kampf zu begeistern, und Doreen wurde ermordet und Sophie nie wieder, was sie vorher gewesen war.

Aber die Jahre vergingen und wir gewannen. Carmeri wurde gestürzt, und Aetian bekam eine Verfassung und eine Regierung nach dem Vorbild Lerantars. Ehe ich dreißig war, hatten wir eine Allianz mit Lerantar und den Inseln, mit Laquena und den Nordmarken, und allem, was geschehen war, zum Trotz begannen gute Zeiten.

Ich war siebenundzwanzig, als ich in meine Heimatstadt zurückkehrte. Mit mir brachte ich zwei Kinder, die mich 'Mutter' nannten, die im Niemandsland aufgewachsen waren und die die Straßen, die steinernen Häuser mit offenem Mißtrauen betrachteten. Ich sagte niemandem, wo ich gewesen war. Statt dessen versuchte ich, zurück in mein altes Leben zu schlüpfen wie in einen abgetragenen Pullover, lebte im Haus meiner Eltern, ging wieder an die Universität als sei ich noch siebzehn, als könne man zurückgehen. Aber das Leben, das einst für mich geplant worden war, paßte mir nicht mehr, also nahm ich mein gestohlenes Geld, erwarb einen Landtitel nahe meiner Heimatstadt, und tat das, was ich die ganzen letzten zehn Jahr anderen überlassen hatte: Ich lebte von meiner Hände Arbeit. Signy und Mücke kamen gelegentlich vorbei, und wir schwiegen viel. Meine jüngere Tochter Irina übernahm den Hof, als ich vierundvierzig war, sie vierundzwanzig, und ich begann zu reisen und Relikte einer vergangenen Zeit zu sammeln. Sie züchtete Pferde, robuste Arbeitsponies. Manche der Höfe in unserer Region vertrauten nicht darauf, daß es morgen noch Treibstoff und Strom geben würde, aber sie vertrauten darauf, daß es morgen noch Gras geben würde und kauften unsere Ponies.

Meine Mutter starb, als ich sechzig war, und hinterließ mir eine Schachtel mit Fotos. Ich sah mich, drei Jahre alt, auf dem Arm meines Vaters, Vanilleeis essend, inmitten von Menschen, die in den leeren Himmel starrten. Die Farben des Bildes waren ausgeblichen und das Papier spröde.

Es war ein gutes Leben. Die ganzen langen Zeiten, von denen ich nicht erzähle, sie waren gut. Ich las viel und ich schrieb, ich studierte alte Technologie, so gut es ging: zu vielen der Datenträger gab es keine Lesegeräte mehr. Ich rekonstruierte Daten als ein Hobby, übertrug Wissen auf Papier und lagerte es in Kisten auf dem Dachboden. Und es war ein langes Leben. Irina wurde zweiundachtzig Jahre alt. Sie starb an einem Tag im Frühjahr und ich weinte und schrie in den leeren blauen Himmel bis meine Urenkel mich seltsam ansahen, und dann sah ich in den Spiegel und sah mein Gesicht wie auf einem alten Foto, das sorgsam und vernünftig in einer Schublade aufbewahrt war, die Farbe nicht verblaßt und das Papier frisch, und das Gesicht einer Frau ohne Alter.

Mit 99 Jahren lief ich das zweite Mal von zu Hause fort, als seien die Hunde des Chaos hinter mir her. Ich muß ein bißchen wahnsinnig geworden sein, oder mehr als nur ein bißchen: Mir fehlt Zeit. Nicht ein wenig Zeit, nicht ein Monat oder ein Jahr, sondern Jahre, mehr als zehn Jahre. Ich erinnere mich an den Mond, seine kleine Schwester neben sich. An das Meer. An Visionen wie an Fieberträume. Ich habe nie herausbekommen, was in jenen Jahren geschehen ist.

Und dann war ich auf einer Bank, in einem Park, in einer kleinen Stadt, trug einen Mantel, der dreißig Jahre alt war und ein Gesicht, das wesentlich jünger aussah. Man schrieb das Jahr 110. Zum nächsten Jahreswechsel, am ersten Tag des aufziehenden Sommers hatte ich einen neuen Namen und eine neue Identität und einen Studienplatz an der Universität in Joesteinn, und nahm die letzte Bahn hinaus zum Stadtrand, lief in die Wälder, sah die Sterne an und verpaßte das Feuerwerk.

Es gab keine Schwebetransporter mehr, wie Doreens Mutter sie noch geflogen hatte. Stromausfälle waren selten geworden und die Kraftwerke liefen wieder zuverlässig, aber sie verbrannten Gas, das vor der elerantar Küste aus dem Boden gepumpt wurde. In meinem Kopf sah ich die Leitungen auf einer Landkarte als dicke, träge Linien. Die alten Hochgeschwindigkeits-Hochbahnlinien waren zusammengebrochen, und durch langsam auf Bodenschienen dahinkriechende Züge ersetzt worden, die ebenfalls Gas für ihren Antrieb verwendeten, genau wie die jetzt bodengebundenen Busse und Lastwagen Der Himmel erschien mir weniger blau als er gewesen war, und die Sterne ferner, zu fern, als das jemals wieder ein Schiff von ihnen kommen konnte.

Und lautlos, unsichtbar und erstickend wie das Gas breitete sich Angst aus, angezeigt nur durch ein geflüstertes Wort hier, einen Leitartikel da, ein nervöses Schielen auf Zahlen. Wir feierten jedes Neujahr mit weniger Zuversicht als das vorhergehende, zweifelten, daß unser Planet groß genug für uns wäre, errechneten, daß das, was wir hatten, uns nicht ausreichen würde. Wie kann es nicht reichen, dachte ich, wir hatten eine weite grüne Welt, wir hatten Kontinente mit weniger Einwohnern als eine Stadt der Zentrumswelten, wir hatten Rohstoffe und Lebensmittel an die Föderation verkauft, weil wir mehr als genug davon hatten. Wenn wir nur achtsam waren und nichts verschwendeten, wenn wir zusammenarbeiteten und teilten, wenn wir an die Zukunft dachten und planten, dann würde es tausend Jahre dauern, bis nicht mehr genug für alle da war, und in tausend Jahren würden wir unsere eigenen Schiffe bauen. Wäre es ein technisches Problem gewesen, es wäre lösbar gewesen.

Ich traf Vandred wieder, als ich mein Studium abgeschlossen hatte und nicht wußte, was ich tun sollte. Sie war Musikerin und tourte mit einer Band, und ich erkannte sie auf einem Tourneeplakat, das in Joesteinn an den Mauern hing. Sie nannte sich jetzt Elorie, und erzählte, sie habe jahrelang in den Bibliotheken das Datenmaterial aus der Zeit der Föderation studiert, sei bis zum Hauptarchiv in Laquena und nach Ta'i Nu'i im Süden und sogar bis Antipodia gereist, und habe doch nicht mehr erfahren, als daß "Mutationen vorkämen". Das, sagte sie, habe sie so geärgert, daß sie aufgehört habe, Geschichte zu erforschen, und statt dessen ein Tramp geworden sei -- "Yrsaji", sagte sie, ein Wort aus der Handelssprache der Föderation, wie wir sie in der Schule gelernt hatten, Streuner, Taugenichts, Vagabund, Weltenbummler. "Gute Idee", sagte ich. Ich spielte die Fiedel in ihrer Band, und ein Jahr später ließen wir Band Band sein, besorgten uns einen alten Bus und einen schweigsamen Schlagzeuger und nannten uns die "Tontauben".

"Warum sind wir hier, warum sind wir immer noch hier", wütete Elorie in einer Nacht in einem Hotelzimmer, als wir Wein getrunken hatten und Lieder gesungen, die seit hundert Jahren vergessen waren. Die Welt weigerte sich, ihr Antworten zu geben, weigerte sich, eine verständliche Form anzunehmen, und Elorie betrachtete das als einen persönlichen Affront. Drei Wochen später stritten wir uns und sie ging ihrer Wege. Ich überließ dem Schlagzeuger den Bus, ging nach Vesteinn, und begann, Geschichten zu schreiben, Kommentare und Pamphlete, spielte mit dem Gedanken, an die Universität zurückzukehren und kochte in einem vegetarischen Restaurant.

Ob nun mit Antworten oder ohne, wir können nur vorwärts gehen. An dem blauen Morgen, wo das letzte Schiff uns verließ, begann unsere Geschichte, ging die Zukunft in unsere Hände über. Und ob nun ein Schiff kommt oder nicht, ob die Mutation beständig ist oder nicht, wieviel Zeit uns bleibt -- das können wir nicht wissen, und das darf keine Rolle spielen darin, was wir mit unserer Welt tun und mit unserer Geschichte. Und ich versuchen, nach vorne zu sehen, aber manchmal, wenn ich Gemüse in der Pfanne rühre und Nußbrot in den Ofen schiebe, für die Lokalzeitung über Schulsportfeste und entlaufene Katzen schreibe, die wachsende Unsicherheit in den Gesichtern der Leute sehe und meine eigenen Lieder aus dem Radio höre, dann denke ich an Welten mit so vielen Sternen, daß die Mittagssonne sie nicht alle überstrahlt.




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